Reisetraumland

Am Rande des Abgrunds im Canyon de Chelly

Falls ihr euch fragt, wieso wir so viel Geld für eine Übernachtung in einer – zugegeben – recht luxuriösen „Holzhütte“ ausgeben. Es sind die Aussicht und die Stille. Mit der Stille hat es nicht so ganz geklappt. Unsere Nachbarn haben die ganze Nacht lang die Klimaanlage an und die Außenlüftung ist direkt neben unserem Fenster. Mit der Aussicht besonders zum Sonnenaufgang läuft es dafür umso besser. Und auch heute morgen ist es der Schatz, der mich weckt. Verrückt.

Nach dem Sonnenaufgang lassen wir den Tag gemächlich beginnen und fahren die Loop Road durchs Monument Valley. Wir machen noch ein paar Bilder von den typischen Motiven und vertrödeln die Zeit. Das Monument Valley gefällt uns gut und wir könnten praktisch alle 20m anhalten. Die roten Felsen, dazu die zum Teil uralten Bäume und dann diese Farben.

Zum Ende unserer Tour halten wir an dem wohl überlaufendsten Aussichtspunkt. Von hier starten viele Touren und es gibt eine Reihe von den üblichen Schmuckständen. Alles ist voller Menschen. Sogar weiter hinten auf dem Aussichtspunkt selbst. Die Krönung des Kommerzes ist ein Navajo, der mit seinem Pferd auf einem Felsvorsprung steht. Eine großes Schild kündigt die Attraktion an: ein Foto von ihm und dem Pferd kostet $1, will man selbst auf dem Pferd sitzen, kostet das Foto $5. Wir schauen fassungslos zu, wie ein Tourist nach dem nächsten auf das Pferd klettert, sich fotografieren lässt und $5 dafür zahlt. Sven kann sich nicht zurückhalten und spricht ein älteres Paar an, das gerade vom Fotoshooting kommt. In seiner freundlichen, politisch korrekten Art fragt er sie, ob sie sich nicht schämen, derartige Tierquälerei zu unterstützen – das arme Pferd. Der Frau ist es sichtlich unangenehm. Sie scheint jetzt erst zu realisieren, dass das Pferd vermutlich den ganzen Tag da steht und einen Touristen nach dem nächsten auf dem Rücken hat. Der Mann hingegen geht in die Offensive. Was wir denn hier durchs Land fahren und überhaupt, es sei 2016. Was das aktuelle Datum und unsere Reise mit seinem sinnlosen Foto als Lone Ranger zu tun hat, verstehen wir nicht. Aber so stellen wir uns einen Trump-Wähler vor. Genau so.

Wir fahren weiter nach Chinle in Arizona. Von hier aus wollen wir den Canyon de Chelly besuchen. Noch bevor wir in Chinle ankommen, verändert sich das Landschaftsbild. Leider nicht zum positiven. Überall liegt Müll rum und das nicht nur am Straßenrand. Die Häuser sind fast ausschließlich Mobile Homes, Bretterbuden, Schuppen oder Schlimmeres. Daneben stapeln sich Berge von alten Röhrenfernsehern, Glas, Autoreifen und kaputtem Spielzeug. Dazwischen winzige Gatter mit Pferden, dafür kaum Menschen auf der Straße. Manche Pferde stehen direkt neben dem ganzen Müll oder laufen verwahrlost in der Gegend frei herum. Wir sehen mehrere streunende Hunde, einer liegt tot am Straßenrand. Wir sind nun weit im Reservat der Navajo Nation und wir haben das Gefühl, dass hier etwas ganz und gar nicht stimmt. Es ist schwer zu beschreiben. Es wirkt, als treffe das moderne Amerika auf die traditionelle Lebensweise der Navajo und beide prügeln sich brutal um die Vorherrschaft. Ohne Rücksicht auf Verluste. Die Stimmung ist bedrückend und wir wollen eigentlich gleich wieder weg. Weit weg.

Wir checken im Hotel ein, räumen unser Zeug ins Zimmer. Wohl ist uns nicht. Wir mussten sogar extra unterschreiben, dass das Hotel keine Haftung für unsere Sachen übernimmt, sollten sie aus dem Zimmer oder aus dem Auto gestohlen werden. Klasse. Zum ersten Mal fühlen wir uns nicht sicher. Im Hof findet eine Hochzeit statt. Irgendwie ein Lichtblick. Wir fahren zum Canyon de Chelly und hoffen, so auf bessere Gedanken zu kommen. Die Landschaft ist schön, rau und wild. Der Canyon ist beeindruckend. Schade, dass man ihn ohne Begleitung durch einen Navajo nur vom oberen Rand aus besuchen darf. An einem der Aussichtspunkte verkauft ein älterer Navajo bemalte Steine. Ich möchte einen haben und er fertigt ihn extra für mich an und bringt ihn später ins Hotel. Er ist der erste hier, der lächelt und freundlich zu uns ist. Abends kaufen wir in dem einzigen Supermarkt von Chinle unser Abendessen ein. Auf dem Parkplatz warnt ein Schild vor Bettlern, die Polizei fährt Streife und im Supermarkt steht Security. Was ist denn hier los?

Noch am gleichen Abend beschließen wir, morgen keine Tour in den Canyon zu buchen und das Geld lieber für eine spontan gebuchte Übernachtung im Mesa Verde National Park zu verwenden.

Liebe Grüße nach Hause!

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Monument Valley ($ 20): beeindruckendes, monumentales Tal mit umwerfenden Sonnenuntergängen und Sonnenaufgängen
Holiday Inn Canyon de Chelly: Hotel direkt am Canyon de Chelly, sauber, eher ältere Zimmer
Canyon de Chelly (kostenlos): beeindruckender Canyon – für das South Rim empfiehlt sich der Nachmittag, für das North Rim der Vormittag

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